„Ist Bologna gescheitert?“

Ehemaliger Uni-Rektor Dunckel wurde mit einem Festvortrag geehrt

Heiner Dunckel gehört zu den Kritikern der so genannten "Bologna-Reform". Seit 15 Jahren wird über diese Reform, in deren Folge die Hochschulen Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt haben, heftig gestritten. Dunckel, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, hat in seiner achtjährigen Amtszeit als Rektor der Universität Flensburg von 2001 bis 2009 die Umstellung der Studiengänge mit organisiert. Zu seinem 60. Geburtstag lud das Präsidium der Europa-Universität Flensburg am Mittwoch, den 5.11.2014, zu der Festveranstaltung "Ist Bologna gescheitert?"

Nach einer Begrüßung durch den Präsidenten Werner Reinhart bejahte Heiner Dunckel diese Frage in seiner Festrede. Zu verschult sei das Studium geworden, böte den Studierenden zu wenig Wahlfreiheit, biete keinen Raum für Persönlichkeitsbildung, fördere das so genannte ‚Bulimie-Lernen‘ – Wissen in sich hineinstopfen und dann auf Kommando in der Prüfung ausspucken – und mache mit seinem hohen Aufwand an permanenter Bürokratie allen Lehrenden viel unnötige Arbeit.

Ganz so kritisch sah der Festredner des Abends, der ehemalige Rektor der Universität Bremen, Wilfried Müller, die Bologna-Reform nicht. Müller verwies auf eklatante Mängel des Studiums, die in früheren Zeiten bestanden: beispielsweise gab es in den achtziger Jahren in den Geisteswissenschaften Abbrecherquoten von bis zu 80%. Müller zufolge sei nicht die Bologna-Reform an sich schlecht, sondern eher die Umsetzung in Deutschland. Die deutschen Hochschulen hätten es nicht geschafft, die Studiengänge sinnvoll in zusammenhängende Einheiten ("Module") zu gliedern – Module sind größer als einzelne Lehrveranstaltungen, aber kleiner als ein ganzes Studium. Viel zu kleinteilig sei das Studium in Deutschland geworden, mit viel zu vielen Prüfungen. Dadurch gerieten die Studierenden, deren Belastung objektiv nicht gestiegen sei, dennoch unter stärkeren Stress. "Wir haben es in der Hand, das zu ändern", sagte der 1945 in Tönning geborene Müller.

In der anschließenden Diskussion war das Thema "Studierendenbelastung" ein wichtiges Thema. Armin Himmelrath, Journalist und Publizist mit den Schwerpunkten Bildung und Wissenschaft, zeigte sich besorgt, dass sein 19-jähriger Sohn schon im ersten Semester eine Party ausfallen lasse, um für eine Prüfung zu lernen. Lars Schalnat, Sprecher der Landesastenkonferenz Schleswig-Holstein, erzählte, dass immer mehr Studierende  psychosoziale Beratung in Anspruch nähmen. Die das ganze Studium durchziehende Prüfungsbelastung und der einhergehende Notendruck sei für die heutigen Studierenden eine deutliche Belastung. Auch über den Bildungsbegriff, der im Zuge der Bologna-Reform verwendet wird, wurde diskutiert sowie darüber, dass mit der Umstellung des Hochschulstudiums noch nicht die erwünschte Erhöhung der Studierendenmobilität (Auslandsstudium oder Auslandspraktika) erreicht wurde. Auch hier zeigte sich Wilfried Müller immer wieder differenziert: "Wir haben nicht das Gelobte Land verlassen, um uns in einer Bologna-Wüste wiederzufinden", sagte er. "Aber wir haben viele Chancen nicht genutzt".

Zumindest kulinarisch wurde die kontroverse Studienreform am Ende mit einer deutschen Hochschule versöhnt: Zu Wein aus Bologna gab es Flensburger Fischbrötchen.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Werner Reinhart, Präsident der Europa-Uiversität Flensburg, Prof. Dr. Wilfried Müller, Festredner und Altrektor der Universität Bremen, Prof. Dr. Heiner Dunckel, Altrektor der Universität Flensburg. (Quelle: Kathrin Fischer)