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Flexitarier in einer Welt der Fleischfresser

Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sprach im Audimax Flensburg über die Notwendigkeit einer neuen europäischen Außenpolitik

"Ich will nicht, dass Deutschland einsam wird"

Sigmar Gabriel im vollbesetzten Audimax. (Sabine Große-Aust)

Als Attraktion und Provokation betrachtete die Senatsvorsitzende der EUF, Prof. Dr. Merle Hummrich, in ihrer Begrüßung des Außenministers a.D., Sigmar Gabriel, die angekündigte Forderung nach einer starken EU. "Der Gedanke an Europa, von dem auch die Europa-Universität Flensburg getragen ist, impliziert zunächst das Überschreiten nationaler Enge und steht für Frieden und Kooperation. Vor diesem idealistischen Hintergrund kann die Rede von einer starken EU, die vornehmlich mit Wirtschaftlichkeit, Grenzen und Selbstoptimierung assoziiert ist, eher nachdenklich stimmen", sagte sie. Diese Perspektive machten auch Florian Kischel und Anna Vormann vom AStA der EUF bei ihrer Begrüßung stark. Die EU habe vor allem 73 Jahre Frieden in Europa gebracht, betonten sie. Sigmar Gabriel griff diese Grußworte im vollbesetzten Audimax auf und sagte: "Wir haben 73 Jahre Frieden nur in Westeuropa. In der Ost-Ukraine findet zu Zeit eine bewaffnete Auseinandersetzung statt, die die Deutschen kaum wahrnehmen. Und das ist das Problem: Wir nehmen alles aus deutscher Sicht wahr. Unser Blick auf Europa ist naiv, weil es uns saumäßig gut geht." Die liberalen Eliten der westlichen Demokratien liefen Gefahr, so Gabriel, in ihren oft selbstbezogenen und normativ aufgeladenen Diskursen die Perspektiven der anderen nicht wahrzunehmen. Besonders Deutschland sei gefährdet, als wirtschaftlicher, politischer und moralischer Vorreiter die anderen Staaten zu dominieren.  "Sie müssen sich immer in die Schuhe des schwächsten Glieds stellen, wenn Sie über Politik nachdenken", forderte Gabriel. "Sie müssen deren Perspektive ja nicht übernehmen, aber sie müssen sie verstehen. Das ist ein bisschen wie im Privatleben. Wenn Sie immer Recht haben, werden Sie einsam. Ich möchte nicht, dass Deutschland einsam wird."

Neues strategisches Denken

Gespannte Zuhörer. (Sabine Große-Aust)

Gabriel plädierte für ein neues strategisches Denken in der Außenpolitik.  Die Welt werde unbequemer, der strategische Wettbewerb zwischen den Großmächten kehre zurück, die USA ziehe sich als Weltpolizei zurück, das entstehende Machtvakuum müsse die EU selbst füllen ehe es andere täten. "Wir können sicher sein, dass rund um den Globus, nicht nur in Peking, Moskau und Teheran, sehr sorgfältig analysiert wird, wie stark und entschlossen der Westen in der Verteidigung seiner Werte und Interessen ist."

In einer Welt voller Fleischfresser hätten es Vegetarier schwer, so Gabriel. "Europa müsse nicht ständig Fleisch essen, aber es solle Flexitarier werden."

Viel Beifall und kritische Fragen

Für seine rund 30-minütige Rede vor Studierenden und Lehrenden erhielt Gabriel viel Beifall. In der anschließenden Diskussion wurden seine Thesen kritisch befragt. OB die EU nicht ein Modell für Solidarität und Toleranz in der Welt sein könne? "Ja", antwortete Gabriel. "Aber nur gemeinsam." Und Gemeinsamkeit entstünde nur, wenn die Deutschen ihre Vorherrschaft hinterfragten. Wie er das Verhältnis zu Trump einschätze? "Das Verhältnis zu den USA wird nie mehr so sein wie früher, weil die Veränderung schon vor Trump begonnen hat", sagte Gabriel. Schon unter Obama hätten die USA sich als pazifische Nation bezeichnet, die transatlantische Achse werde schwächer.

Der Auftritt des ehemaligen Bundesaußenministers war der Auftakt der Reihe "Gespräche über Europa", die den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik an der EUF stärken soll.

Viele wollten ein Foto mit dem Bundespolitiker. (Sabine Große-Aust)