In den vergangenen Jahren taten sich für mich immer stärker werdende Brüche zwischen der Realität physikalischen Unterrichts und den Aussagen von Physikdidaktikern auf der einen Seite und meinem Selbstverständnis als Pädagoge auf der anderen Seite auf. Das in physikdidaktischen Publikationen aufgebaute Bild von einem (angeblich) guten Physikunterricht war für mich nicht in Übereinstimmung zu bringen mit meinem Bild einer guten Schule. In diesem Zustand Lehrer eines Faches zu sein, das mir in seiner derzeitigen Form mehr als fragwürdig, ja sogar kontraproduktiv erschien, wurde immer schwerer möglich. Mit dem Buch Physikunterricht neu denken versuche ich die Frage zu beantworten, welche Aufgabe dem Physikunterricht im allgemeinbildenden Schulwesen zukommen sollte. In Anlehnung an das Ansinnen Hartmut von Hentigs Die Schule neu denken" gebe ich eine zornige, aber nicht eifernde, eine radikale, aber nicht utopische Antwort". Ich rücke die Kinder und Jugendlichen und die Demokratie in den Mittelpunkt meiner Überlegungen und wende mich entschieden gegen die diversen Forderungen gesellschaftlicher Gruppen an die Schule. Übergeordnete Aufgabe der Schule ist - so die zentrale These des Buches - die Menschen, d.h. Individuum und Demokratie, zu stärken. Physiklehrer und Physikdidaktiker müssen sich dieser Aufgabe annehmen. Hierzu bedarf es der Klärung, wie die anzustrebende Bildung aussehen sollte, was die Kindheit und Jugend der jungen Generation ausmacht und was unter Physik zu verstehen ist. Das Buch gliedert sich in fünf Teile. Der I. Teil führt in die Problemstellung des Themas ein, zeigt die Vorgehensweise auf, legt Begriffe und das Wissenschaftsverständnis fest, zeigt meine grundlegenden Ansichten zu den mit Physikunterricht zusammenhängenden Bereichen auf und bestimmt die übergeordnete Aufgabe der Schule. Es folgen drei Teile, die ich als Grundlagenteile bezeichne. Dort werden die Sachverhalte geklärt, die zur Entwicklung eine Theorie zur Bestimmung von im Physikunterricht anzustrebenden Zielen benötigt werden. In Teil II wird meine Vorstellung von der Präskriptiven Bildung, also der anzustrebenden Bildung, dargelegt. Die Präskriptive Bildung wird - in Anlehnung an v. Hentig - an sechs Maßstäben festgemacht [Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit", Die Wahrnehmung von Glück", Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen", Ein Bewußtsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz", Wachheit für letzte Fragen", Die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in dem Gemeinwesen"]. Der III. Teil beschäftigt sich mit der Deskriptiven Bildung, also mit der Sozialisation der Kinder und Jugendlichen. Es werden fünf Großfaktoren der Kindheit und Jugend heute" unterschieden und dargestellt [Familie", Raum- und Zeiterleben", Freizeitverhalten", Kinder und Jugendliche und Erwachsenengesellschaft", Folgen der Kindheit und Jugend heute"]. In insgesamt 49 Abschnitten wird die Kindheit und Jugend in vielen ihrer Facetten beleuchtet. Im IV. Teil wende ich mich der Frage zu: Was ist Physik?" Hierbei unterscheide ich sechs Aspekte der Physik [Geschichte der Physik", Physik und (Natur-)Wissenschaft(en)", Gliederung(en) der Physik", Physikalische Erkenntnisgewinnung", Der Physiker", Auswirkungen der Physik"], die ich in insgesamt 71 Abschnitten konkretisiere. Erst in ihrer Gesamtheit ergeben sie für die Schüler (ebenso für die Physiklehrer) ein angemessenes Bild der Physik. Die drei Grundlagenteile des Buches bilden die Basis, auf der die Theorie zur Bestimmung von im Physikunterricht anzustrebenden Zielen aufgebaut wird. Um den fundamentalen Charakter der drei Teile zu unterstreichen, ist jeder Teil in sich abgeschlossen. Präskriptive Bildung, Deskriptive Bildung und Physik werden ohne Bezug zum Ziel des Buches dargestellt. Sie können somit auch unabhängig von dem Anliegen des Buches als Einführung in den jeweiligen Themenbereich gelesen werden. In dem das Buch abschließenden V. Teil wird auf Grundlage der in den Teilen I, II, III und IV aufgestellten Thesen eine Theorie zur Bestimmung von im Physikunterricht anzustrebenden Zielen entwickelt. Es wird dargestellt, inwieweit die derzeitige Fachdidaktik Physik die Themen Präskriptive Bildung, Deskriptive Bildung und Physik aufgreift und was für Konsequenzen für den Physikunterricht, für die Physikdidaktik und für die Lehrerausbildung zu ziehen sind. Es schließt sich eine Begründung für einen integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht an. Der V. Teil und damit auch das Buch schließt mit einem Ausblick auf eine zu entwickelnde umfassende Theorie des Physikunterrichts. Beigefügt ist dem Buch ein Diagramm, daß die Zusammenhänge der einzelnen Theorieelemente verdeutlicht. Ich hoffe, durch das Buch Studierende für das Lehramt sowie Referendare, die das Fach Physik gewählt haben, davon zu überzeugen, daß ein neu denken von Schule im allgemeinen und von Physikunterricht im speziellen dringend not tut. Die bereits angelaufene und sich in den nächsten Jahren vermutlich noch verstärkende Umstrukturierung der Schulen in Richtung mehr Autonomie eröffnet große Chancen für eine neue" Schule - wenn wir nur wollen. Daß wir müssen, steht m.E. außer Frage. Ich hoffe, daß berufserfahrene Lehrer, die die Notwendigkeit eines neu Denkens sehen, mit dem Buch eine Begründung an die Hand erhalten, mit der sie sich identifizieren können. |
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