Satzung des NEC

Datum:
24.06.2015

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Über das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research

Das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research (NEC) der Europa-Universität Flensburg erforscht vor dem Hintergrund von Klimawandel, Ressourcenverknappung und Umweltverschmutzung theoriegeleitet und zugleich praxisnah die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Veränderung unter dem Leitbild der Zukunftsfähigkeit. Transformationsdesign, die Gestaltung von Veränderungsprozessen im Bewusstsein ihrer Grenzen, ist notwendig inter- sowie transdisziplinär. Die Untersuchung der Dynamiken und Muster historischer Transformationsprozesse ist dabei ein zentraler Bestandteil.

Was ist Transformationsdesign

Unser gegenwärtiges Wirtschafts- und Gesellschafsmodell gerät zunehmend unter Stress. Klimawandel, Ressourcenkonkurrenz, überfischte Meere, steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise engen die gefühlten und realen Handlungsspielräume einer wachsenden Anzahl von Menschen ein. Gesellschaftliche und politische Lösungsansätze für die sich zuspitzenden Nachhaltigkeitsprobleme konzentrieren sich auf "grünes Wachstum", den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie die Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz. So soll der Kollaps des Erdsystems verhindert werden; zugleich soll es aber weiterhin von allem für alle immer mehr geben.

Solche Strategien zur Lösung der akuten Nachhaltigkeitskrise waren schon immer Teil der industriellen Moderne, die sich zum Ziel gesetzt hat, die natürlichen Grenzen und Endlichkeiten zu überwinden. Die Steigerung von Effizienz ist die Essenz dieser expansiven Moderne. Innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen Dynamik und Referenzrahmen bleibt jede Effizienzsteigerung jedoch Teil des Problems und führt zu einer kontinuierlichen Zunahme des globalen Ressourcen- und Energieverbrauchs sowie der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Lösungen für ein Wirtschaften und Zusammenleben jenseits dieses Paradigmas zu suchen und zu finden: Das ist Transformationsdesign.

Von der expansiven zur reduktiven Moderne 

Transformationsdesign, die Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse unter dem Leitbild der Zukunftsfähigkeit, zielt nicht allein auf die Vermeidung ökologischer Krisen. Das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das jetzt an seine Grenzen gerät, war historisch einzigartig erfolgreich. Es brachte den Angehörigen frühindustrialisierter Gesellschaften Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz vor körperlicher Gewalt sowie Wohlstand, Gesundheit, Bildung und soziale Fürsorge auf einem bislang unerreichten Niveau. Das sind die soziale Errungenschaften der Moderne, die verloren zu gehen drohen, wenn die bisherigen Strategien fortgeschrieben werden. Wie lassen sich die bereits erreichten Zivilisations- und Wohlstandstandards aufrechterhalten, wenn der Ressourcenverbrauch um den Faktor 5 oder 10 reduziert wird? Transformationsdesign hat zum Ziel, Wege in eine zukunftsfähige Moderne zu bahnen.

Die Theorievergessenheit der Transformationsdiskussion

Bei der Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zeigen sich verschiedene Probleme. So entfalten gesellschaftliche Entwicklungen eigene Dynamiken – und dies umso mehr, je größer die Anzahl der Menschen ist, die in den hoch arbeits- und funktionsteiligen Entwicklungsprozess eingebunden ist. Versuche, auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss zu nehmen, führen daher regelmäßig zu unerwarteten und nicht-intendierten Folgen. Zudem zeichnet sich die menschliche und gesellschaftliche Praxis durch eine gewisse Beharrungskraft aus. Die gegenständlichen Infrastrukturen einer Gesellschaft, aber auch ihre Institutionen und die Gewohnheiten der Menschen – ihre mentalen Infrastrukturen – sind durch ein hohes Maß an Stabilität gekennzeichnet. Nicht zuletzt stehen mächtige Interessengruppen einer Nachhaltigkeitstransformation entgegen. Und selbst wenn mehrheitlich entschieden würde, transformative Veränderungen vorzunehmen, wäre nicht immer klar, welche Veränderungen dies sein müssten. Denn heute ist noch nicht bekannt, wie eine reduktive Moderne aussehen kann. Hieraus ergibt sich eine ganze Reihe unbearbeiteter Forschungsfragen: Wie lassen sich gesellschaftstheoretische Konzepte in der aktuellen Transformationsdebatte fruchtbar machen? Ist die Gestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse möglich, ohne dass nicht-intendierte Folgewirkungen diese Bemühungen unterminieren? Welche Lehren lassen sich aus historischen Transformationsprozessen ziehen? Wie können eine Postwachstumsgesellschaft und suffiziente Lebensstile aussehen?

Transformationsdynamiken verstehen

Integrale Voraussetzung erfolgreicher intentionaler Transformation ist das Verständnis historischer und aktueller gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Besondere Aufmerksamkeit gilt grundlegend theoretisch und angewandt praktisch den Antrieben und Hindernissen menschlichen Handelns. So geraten Handlungstheorien unterschiedlicher Provenienz und Reichweite in den Blick. Diese eint die Unterscheidung von eher routiniert zu eher reflexiv ablaufenden Handlungsmodi. Entsprechend bedarf Transformationsforschung & -design eines doppelten Zugangs. Einer, der die Genese solcher Schemata oder mentaler Modelle untersucht und Potenziale ihrer Veränderung aufspürt. Und ein Zweiter, der sich stärker auf rational zugängliche Entscheidungsfindungen zu fokussieren hat.

Prozesssoziologische Heuristik

Die Erforschung sozialer Prozesse steht im Zentrum der Arbeit des Soziologen Norbert Elias sowie der von ihm begründeten Prozesssoziologie. Ein besonderes Augenmerk galt dabei der Interdependenz von Sozio- und Psychogenese, also der Frage, wie sich gesellschaftliche Strukturen in Wechselwirkung mit Persönlichkeitsstrukturen verändern. Aber auch Fragen der Ungeplantheit und Planbarkeit sozialer Prozesse, Richtungen, Richtungsbeständigkeit und Umkehrbarkeit der gesellschaftlichen Entwicklung sowie die Bedeutungen von Konflikten und Machtverschiebungen im Zuge des sozialen Wandels hat Norbert Elias ausgiebig bearbeitet. Weiter zielte seine theoretische Arbeit nicht nur auf die Überwindung der polaren Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft (von Akteuren und Systemen) ab, sondern sie verweigert sich auch einer dichotomen Sichtweise auf das Verhältnis von Natur und Gesellschaft. Diese Elemente der Eliasschen Theorie sind ungeheuer fruchtbar für eine Transformationsforschung, die historisch nicht naiv ist und Transformation als ungleichzeitigen und uneinheitlichen Prozess versteht, der nur in Grenzen steuerbar ist.