Flensburger Historikerin organisierte internationale und interdisziplinäre Tagung über deutschen Kolonialismus in Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern in Ghana
Nur eine kurze Zeit lang war Deutschland eine Kolonialmacht. Warum also eine Tagung über den deutschen Kolonialismus in Ghana veranstalten? War das westafrikanische Land nicht eine Kolonie Grossbritanniens? In der Tat erlangte Ghana seine Unabhängigkeit 1957 von der britischen Krone; bis heute ist die offizielle Behörden- und Landessprache Englisch.
Und doch gibt es lebhafte Erinnerungen an die deutsche Kolonialpolitik, die sowohl den Norden Ghans betrifft als auch die ehemals zur deutschen Kolonie Togoland gehörenden Gebiete in der Voltaregion. An der Küste Ghanas wehte im 17. Jahrhundert die Fahne des brandenburgisch-preussischen Königs, des "Grossen Kurfürsten": ein roter Adler auf weissem Grund. Zahlreiche Spuren verweisen auf diese Zeiten, die das heutige Ghana bis heute prägen. Noch heute künden Lieder und Tänze von einem Überfall deutscher Soldaten in Nordghana, so berichtete etwa einer der Teilnehmer und gab auf einem traditionellen Instrument eine musikalische Probe von dieser oralen Botschaft. Zum Widerstand gegen die Truppen der deutschen Kolonialmacht hatte die afrikanische Ethnie eine Gruppe von Trommlern in den Kampf geschickt; sie erlagen den Feuerwaffen.
Seit drei Jahren stellt die Flensburger Historikerin Prof. Dr. Bea Lundt Forschungskontakte zu dem westafrikanischen Land Ghana her, das der Universität Flensburg durch verschiedene Partnerschaftsverträge verbunden ist. Die Tagung, die vom 29. 9. bis 1. Oktober 2011 an der Universität Winneba stattfand, stiess auf grosses Interesse in Afrika: 15 Fachleute aus verschiedenen Fachdisziplinen, darunter auch 2 Historiker aus Kamerun sowie ein Experte aus den Niederlanden stellten Forschungsergebnisse vor und diskutierten über Fallbeispiele. Die Vorbereitung erfolgte in Zusammenarbeit mit zwei Afrikanisten von der Universität Legon in Ghana. Das auswärtige Amt Deutschlands in Vertretung durch die Deutsche Botschaft in Accra sowie die Universität Flensburg finanzierten diese Zusammenkunft. Eine Vertreterin der Botschaft eröffnete die Tagung, die auch von zahlreichen deutschen und afrikanischen Studierenden besucht wurde.
Den Abschluss bildete eine Exkursion der Teilnehmer zu den europäischen
Sklavenburgen Cape Coast Castle und Elmina Castle. In den Verliesen, in denen die Sklaven auf ihre Verschiffung nach Amerika warteten, legte die Gruppe aus afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern und Studierenden Kränze nieder im Gedenken an die Toten und Verschleppten. "Unsere Geschichte ist weltweit verflochten", sagte Frau Prof. Lundt bei dieser Gelegenheit, "wir können sie nicht rückgängig machen, aber wir können unsere Betroffenheit mit den Opfern zeigen und aus ihrem Schicksal lernen."
Eine Publikation der Erträge ist vorgesehen. Weitere Tagungen in Zusammenarbeit zwischen der Universität Flensburg und afrikanischen Wissenschaftlern sind bereits in Vorbereitung. 2012 soll die nächste im Goethe-Institut Accra stattfinden und sich dem Thema der Migration von Erzählstoffen und Motiven zwischen Europa und Westafrika widmen.


