Am Phänomen lernen - Naturwissenschaftliche Förderung im Elementarbereich
von Lutz Fiesser / Fritz Schließmann
Viel zu lange ist übersehen worden, wie fruchtbar Kinder in frühen Jahren durch eigenes Experimentieren gefördert werden können. Der Bereich Naturwissenschaft und Technik blieb in den Kindergärten einfach ausgeblendet, den Kleinen wurde die Fähigkeit zum logischen und kausalen Denken abgesprochen. Seit einiger Zeit scheint sich das zu verändern.
Die Zahl der Forscher, die sich um das Verstehen kindlicher Weltkonzepte bemühen, der Praktiker, die Naturwissenschaft und Technik in den Kita-Alltag bringen und der politisch Verantwortlichen, die sich um entsprechende Bildungspläne und Fortbildungen bemühen, wächst. Ihnen allen sollte in Rahmen einer Fachtagung die Gelegenheit gegeben werden, sich unmittelbar auszutauschen und gemeinsam den optimalen Weg zur Förderung der Kinder zu suchen.
Der Einladung an die Universität Flensburg folgten 80 Personen aus allen Teilen Deutschlands und der Schweiz. Es waren sowohl Vertreter der einschlägig orientierten Forschungseinrichtungen als auch Erzieherinnen und Erzieher in den hohen Norden gekommen, um bei schönstem Wetter in der durch die Phänomenta pädagogisch geprägten Atmosphäre die eigenen Ideen und Ergebnisse zu präsentieren und kritisch zu werten.
Die festliche Eröffnung der Fachtagung fand in den Räumen der Phänomenta Flensburg statt. In den Grußworten der Ministerin für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein, Frau Erdsiek-Rave, und dem Leiter des veranstaltenden Instituts, Prof. Dr. Fiesser wurde die Bedeutung der frühen naturwissenschaftlichen Bildung betont und die Schlüsselrolle der Erzieherinnen und Erzieher herausgestellt.
Am zweiten Tag berichteten die Forschungs- und Projektgruppen von ihren Arbeiten und Ergebnissen. Hier zeigte sich die Vielfalt der Aktivitäten: Mitmachlabore, die Kinder zu Experimenten einladen (Mitmachlabor EMA, CHEMOL), und andere, die auch Fortbildungskurse für Erzieher anbieten (ScienceLab, Haus der kleinen Forscher, Universum Bremen); Projekte, die auf die praktische Umsetzung in Kitas zielen, bei Fortbildungen für die pädagogischen Fachkräfte ansetzen (Imaginata, FH Kiel) oder eher durch Forschung begleitet Konzeptionen in den Kitas einführen und evaluieren (Mit Kindern die Welt entdecken, Versuch macht klug); mit Forschungsfragen beschäftigen sich auch Arbeitsgruppen, die vorrangig Lernprozesse im Elementarbereich erforschen (IFP München, ZNL Ulm, TU Dortmund).
Trotz der Unterschiede in Organisation und Schwerpunktsetzung stellten alle Teilnehmer das Experiment bzw. das Phänomen in das Zentrum der Aktivität, um den Kindern ein "forschendes Experimentieren" zu ermöglichen. Deutlich zu erkennen war auch das Bemühen, die Gemeinsamkeiten der Projekte herauszuarbeiten und zu einem Konsens zu kommen, der eine Vernetzung der Gruppen und eine gemeinsame Zielsetzung bei der Weiterentwicklung der Konzeptionen ermöglicht.
Hierbei wurde auch die Bedeutung der Förderer für die Umsetzung der Projekte deutlich: Der Bildungskoordinator der Nordmetall-Stiftung, Herrn Golinski, hatte bei der Eröffnung davon gesprochen, dass Partnerschaften aus Wirtschaft und Bildungseinrichtungen der Elementarbildung "entscheidenden Schwung" verliehen hätten. So stellen in diesem Bereich Stiftungen wie die Nordmetall-, Hopp-, Siemens-, Tschira- und die Telekom-Stiftung u.a. größere Summen diesem Bereich zur Verfügung und unterstreichen damit die große gesamtgesellschaftliche Bedeutung der frühen naturwissenschaftlichen Bildung.
Am dritten Tag konnten die Teilnehmer in einer Kita unmittelbar miterleben, wie Vorschulkinder mit den im Projekt "Versuch macht klug" entwickelten interaktiven Experimentierstationen umgehen.
Als letzter Tagungspunkt wurde das Wagnis unternommen, eine Prognose über die Zukunft der elementarpädagogischen naturwissenschaftlichen Bildung zu formulieren. Zehn kompetente Vertreter aus dem breiten Spektrum der anwesenden Institutionen gaben ein Statement ab und schilderten aus ihrer subjektiven Erwartung die Situation in zehn Jahren. Da kam es zu überraschenden Übereinstimmungen:
Selbstgesteuertes, interessenorientiertes Lernen wird in zehn Jahren in deutschen Kitas selbstverständlich sein. Das damit verbundene freie Experimentieren wird auch die Schulen prägen. Eltern, Erzieher und Lehrer werden ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass Forschungskompetenz eine allgemeine Qualifikation darstellt und die Grundlage für erfolgreiches Lernen in allen Fächern ist.
Sehr deutlich wurde auch, dass für die Erzieheraus- und -fortbildung neue Formen und Inhalte gefunden werden müssen. Um kleinen Kindern den Erfahrungsreichtum durch naturwissenschaftliche Phänomene zu erschließen bedarf es hoher pädagogischer Sensibilität und grundsätzlich anderer Strategien als in allgemeinbildenden Schulen. Allerdings müssen wir heute fest stellen, dass es dazu zwar umfangreiche Erfahrungsberichte jedoch noch viel zu wenig gesichertes Wissen gibt: Entsprechende fachdidaktische Forschung muss dringend gefördert und erweitert werden.
Die im Rahmen der Tagung vorgestellten interaktiven Experimentierstationen, die frei zugänglich sind und das selbstständige Forschen der Kinder entscheidend fördern, müssen durch eine angemessene begleitete Hinführung zu elementaren Phänomenen aus Naturwissenschaft und Technik ergänzt werden. Den Erzieherinnen muss dabei bewusst sein, dass sie einen Prozess begleiten, der u.a. durch verfrühte Erklärungen empfindlich gestört werden kann. Immer wieder wurde deutlich, dass es darum gehen muss, Kindern Anregungen und Möglichkeiten zu eröffnen, dass dazu aber dann auch die notwendige Zeit eingeräumt wird, ohne die ein wacher Geist verkümmert, Interessen absterben und Kreativität zu Grunde geht.
Die Teilnehmer an der Tagung waren sich darüber einig, dass die gewünschte Verhaltensänderung der Erzieher nur durch eine anhaltende praxisbezogene Fortbildung erreichbar ist.
Am Ende der Tagung einigten sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Flensburger Erklärung zur frühen naturwissenschaftlichen Förderung im Elementarbereich. Durch sie wird auf die außerordentliche Bedeutung dieser Bildungsinhalte aufmerksam gemacht, die unabdingbar für die gesellschaftliche Entwicklung hin zu humanem und demokratischem Fortschritt und zukünftigem Wohlstand sind. Die Erklärung ist im Wortlaut angefügt. Sie möchte aufrütteln und bildungspolitisches Handeln anregen und leiten.
Der erfolgreiche Verlauf der Tagung, die zielführenden Gespräche und der wissenschaftlich fruchtbare Gedankenaustausch haben die NORDMETALL-Stiftung veranlasst, die Finanzierung einer entsprechenden Fachtagung in Flensburg auch im Jahr 2010 zuzusagen.
Weiter zur "Flensburger Erklärung"
Text: Lutz Fiesser / Fritz Schließmann
Fotos: Dr. Fritz Schließmann, Universität Flensburg
Titelbild: designritter / photocase.com





